Reha-Logik #1

Schulter schmerzt bei Rotation? So trainierst du weiter, statt zu pausieren

Von Felix Schenk, Physiotherapeut und Sportwissenschaftler (BSc) · 30. September 2026 · 5 Minuten Lesezeit

Kurz gesagt

Du musst die Rotatorenmanschette nicht über Drehbewegungen trainieren. Beim Armheben nach vorne (Flexion) arbeitet vor allem ihr hinterer Teil, beim Ziehen nach hinten (Extension) vor allem ihr vorderer. Tut die Außenrotation weh, trainierst du über Drückübungen. Tut die Innenrotation weh, über Zugübungen. Die Drehbewegung selbst holst du danach Schritt für Schritt zurück, erst haltend, dann bewegt.

Bevor du loslegst

Dieser Artikel gilt nur, wenn zwei Dinge zutreffen:

Im Zweifel: lieber einmal untersuchen lassen.

Außen- und Innenrotation: was ist das?

Rotation heißt, dass sich der Oberarm im Schultergelenk dreht. Im Sport steckt sie fast überall drin:

Außenrotation

Der Arm dreht nach außen. Zum Beispiel beim Ausholen zum Wurf oder zum Aufschlag.

Innenrotation

Der Arm dreht nach innen. Zum Beispiel in der Wurfbewegung nach vorne oder wenn du die Hand hinter den Rücken führst.

Verantwortlich dafür ist unter anderem die Rotatorenmanschette: vier Muskeln, die den Oberarmkopf in der Gelenkpfanne halten. Ihr hinterer Teil (vor allem Supraspinatus und Infraspinatus) dreht den Arm nach außen, ihr vorderer Teil (der Subscapularis) nach innen.

Schmerzt eine dieser Drehungen, lassen viele das Training für die Rotatorenmanschette ganz weg. Das muss nicht sein.

Das Warum: was eine Studie gemessen hat

Forscher der Universität Sydney haben die Muskelaktivität der Schulter gemessen, während Versuchspersonen im Liegen den Arm nach vorne gehoben (Flexion) und nach hinten gezogen haben (Extension), mit leichtem, mittlerem und schwerem Gewicht. Das Ergebnis war eindeutig:

Arm nach vorne heben · Flexion
Hintere Rotatorenmanschette

Supraspinatus und Infraspinatus arbeiten deutlich stärker.

Arm nach hinten ziehen · Extension
Vordere Rotatorenmanschette

Der Subscapularis arbeitet deutlich stärker.

Dieses Muster zeigte sich bei jedem Gewicht. Die Erklärung der Autoren: Die Rotatorenmanschette hält bei diesen Bewegungen den Oberarmkopf in der Pfanne, damit er nicht nach vorne oder hinten rutscht. Sie trainiert dabei also genau ihre Aufgabe als Stabilisator. Die Autoren halten Flexions- und Extensionsübungen deshalb für einen möglicherweise sogar funktionelleren Weg, die Rotatorenmanschette zu trainieren, als die klassischen Drehübungen.

Zur Einordnung: Gemessen wurde bei 15 gesunden jungen Erwachsenen. Dass du über dieselben Bewegungsrichtungen auch bei Schmerzen trainieren kannst, ist die Anwendung für die Praxis, die ich daraus ableite. Getestet hat die Studie das nicht.

Für dich heißt das: Tut die Drehung weh, trainierst du die Rotatorenmanschette über die Richtung, die nicht weh tut. Schmerz heißt nicht Pause, sondern anpassen.

Wenn die Außenrotation schmerzt: über Flexion trainieren

Drückübungen nach vorne oben fordern die hintere Rotatorenmanschette, ohne dass du den Arm nach außen drehen musst.

1Kurzhantel-Drücken auf der Schrägbank

Kurzhantel-Drücken auf der Schrägbank: Start mit den Hanteln an der Brust, Ende mit gestreckten Armen über der Brust
Von der Brust nach oben drücken.

2Landmine Press

Landmine Press im Halbkniestand: Stange an der Schulter, dann schräg nach vorne oben gedrückt
Im Halbkniestand die Stange schräg nach vorne oben drücken, vor dem Körper statt über dem Kopf.

3Dann die Außenrotation zurückholen: erst halten, dann bewegen

Läuft das gut, fängst du mit der Drehung selbst an. Zuerst isometrisch: Der Ellbogen bleibt am Körper, du drückst gegen den Widerstand, ohne dass sich der Arm bewegt. Später dynamisch: Du drehst den Unterarm langsam nach außen.

Außenrotation am Kabelzug: links isometrisch mit dem Unterarm vor dem Bauch, rechts dynamisch nach außen gedreht
Links: isometrisch halten. Rechts: später dynamisch nach außen drehen.

Wenn die Innenrotation schmerzt: über Extension trainieren

Zugübungen, bei denen der Ellbogen nach hinten geht, fordern die vordere Rotatorenmanschette, ohne dass du den Arm nach innen drehen musst.

1Rudern mit Kurzhanteln

Vorgebeugtes Rudern mit Kurzhanteln: Arme hängen, dann Ellbogen nach hinten gezogen
Vorgebeugt die Ellbogen nach hinten ziehen.

2Rudern am Schlingentrainer

Rudern am Schlingentrainer: schräg nach hinten gelehnt, dann Körper zu den Griffen gezogen
Schräg nach hinten lehnen und dich zu den Griffen ziehen. Je aufrechter du stehst, desto leichter.

3Dann die Innenrotation zurückholen: erst halten, dann bewegen

Auch hier zuerst isometrisch gegen den Widerstand halten, der Ellbogen bleibt am Körper. Später dynamisch den Unterarm langsam nach innen zum Bauch drehen.

Innenrotation am Kabelzug: links isometrisch mit dem Unterarm seitlich, rechts dynamisch nach innen vor den Bauch gedreht
Links: isometrisch halten. Rechts: später dynamisch nach innen drehen.

Wie du steigerst

Der Schmerz steuert die Belastung. Für die zwei Übungsarten gilt:

Isometrische Übungen

Die Haltezeit verkürzen und dafür die Intensität erhöhen.

Zum Beispiel: von 3×45 Sekunden auf 3×20 Sekunden mit mehr Widerstand.

Dynamische Übungen

Schmerz sinktmehr Bewegungsumfang

Schmerz stabilmehr Intensität

Schmerz steigtzurück zur vorherigen Stufe

Was „stabil“ und „steigt“ konkret heißt, zeigt dir die Schmerz-Ampel mit der 24-Stunden-Regel im Trainings-Guide: Bis 3 von 10 während der Übung ist okay, und am nächsten Morgen sollte die Schulter nicht schlechter sein als vorher.

Was du daraus mitnehmen kannst

  1. Schmerzende Drehung heißt nicht: kein Training für die Rotatorenmanschette. Drück- und Zugübungen fordern sie auch.
  2. Außenrotation tut weh: über Drückübungen nach vorne oben trainieren, zum Beispiel Schrägbankdrücken oder Landmine Press.
  3. Innenrotation tut weh: über Zugübungen trainieren, zum Beispiel Rudern.
  4. Die Drehung schrittweise zurückholen: erst isometrisch halten, dann dynamisch bewegen.
  5. Der Schmerz steuert die Steigerung. Sinkt er, mehr Bewegung. Bleibt er stabil, mehr Intensität. Steigt er, einen Schritt zurück.

Gratis-Guide

Schmerz-Ampel, 24-Stunden-Regel und wie du sicher steigerst, alles auf 5 Seiten zum Mitnehmen. Zum Trainings-Guide →

Red Flags: Wann du zuerst zum Arzt solltest

Zum Beispiel bei einer heißen, geröteten Schulter mit Fieber, einer Fehlstellung nach einem Unfall, wenn du den Arm plötzlich nicht mehr heben kannst, bei Nachtschmerz in jeder Position oder Schulterschmerz mit Druck auf der Brust.

Alle Red Flags nach Dringlichkeit →

Quelle

Wattanaprakornkul D, Cathers I, Halaki M, Ginn KA. The rotator cuff muscles have a direction specific recruitment pattern during shoulder flexion and extension exercises. Journal of Science and Medicine in Sport. 2011;14:376–382. doi:10.1016/j.jsams.2011.01.001

Felix Schenk

Felix Schenk

Physiotherapeut (staatlich anerkannt in Deutschland) und Sportwissenschaftler (BSc, Universität Wien). Schwerpunkt: Schulterprobleme im Kraft- und Überkopfsport. Erfahrung aus der Medical Crew der Neu-Ulm Spartans (American Football) und als Assistenzphysiotherapeut der OrangeAcademy Ulm (Basketball). Grundlage seiner Arbeit sind über 100 aufgearbeitete Studien und Leitlinien.

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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle Behandlung.

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