Was bedeutet dein Schulter-MRT wirklich?
Ab 40 zeigt fast jede Schulter im MRT Veränderungen an der Rotatorenmanschette, auch Schultern ohne jeden Schmerz. In einer großen Studie aus Finnland waren es 98,7 % der Teilnehmenden. Ein Befund im MRT erklärt deinen Schmerz deshalb nicht automatisch. Entscheidend ist, was die Untersuchung deiner Schulter ergibt, nicht das Bild allein.
Was wurde untersucht?
Ein Forschungsteam aus Finnland hat 602 zufällig ausgewählte Erwachsene zwischen 41 und 76 Jahren untersucht, das mittlere Alter lag bei 58 Jahren. Alle bekamen ein MRT beider Schultern, insgesamt also 1.204 Schultern, dazu Fragebögen und klinische Schultertests. Die Frage: Wie häufig sind Veränderungen an der Rotatorenmanschette in der ganz normalen Bevölkerung, und hängen sie mit Beschwerden zusammen?
Das Ergebnis: Fast jede Schulter zeigt etwas
Quelle: Ibounig et al. 2026, Werte gerundet. Bei 98,7 % fand das MRT mindestens eine Veränderung.
Am häufigsten waren Teilrisse, dann Sehnenveränderungen und Vollrisse. Mit dem Alter wurden die Befunde häufiger und ausgeprägter. Das allein sagt aber noch wenig. Spannend wird es beim Vergleich von Schultern mit und ohne Beschwerden:
Quelle: Ibounig et al. 2026.
Fast kein Unterschied. Sehnenveränderungen und Teilrisse waren bei Schultern mit und ohne Beschwerden gleich häufig. Nur Vollrisse fanden sich bei schmerzenden Schultern öfter (14,6 % gegenüber 6,5 %). Rechneten die Forscher aber Alter und andere Befunde heraus, blieb davon kaum ein Unterschied übrig.
Vollrissen der Studie steckten in Schultern ohne Beschwerden.
Die grauen Haare der Schulter
Wenn fast jeder eine „Auffälligkeit“ hat, ist sie nicht mehr auffällig. Solche Befunde werden deshalb gern mit grauen Haaren verglichen: Sie gehören zum Älterwerden dazu.
Die Autoren der Studie schreiben selbst, dass diese Veränderungen oft normale altersbedingte Veränderungen sind und keine Krankheit.
Was sagen andere Studien?
Schon 2013 hat ein Team in Japan 664 Einwohner eines Dorfes per Ultraschall auf Vollrisse der Rotatorenmanschette untersucht. 22 % hatten einen Vollriss. Unter 50 fand sich keiner, danach stieg die Zahl mit jedem Jahrzehnt. Und: Zwei von drei Rissen verursachten keine Beschwerden.
Quelle: Minagawa et al. 2013. Gesamtwerte laut Studie, die Aufteilung ist aus Abbildung 3 der Studie abgelesen und gerundet. In den 50ern war die Hälfte der Risse ohne Beschwerden, ab 60 rund zwei Drittel.
Was das für dich heißt
- Ein Befund ist keine Diagnose. Ein Teilriss im MRT erklärt deinen Schmerz nicht automatisch, denn fast alle schmerzfreien Schultern ab 40 zeigen dasselbe.
- Lass dich vom Wort „Riss“ nicht ausbremsen. Viele Sportler hören auf zu trainieren, sobald sie „Riss“ im Befund lesen. Bei den meisten dieser Befunde ist das nicht nötig. Entscheidend ist, was deine Schulter heute verträgt.
- Untersucht wird die Person, nicht das Bild. Wo es weh tut, bei welchen Bewegungen und wie belastbar die Schulter ist, zeigt eine gründliche Untersuchung. Die Studienautoren stellen den Nutzen von Routine-MRTs bei Schulterschmerzen ohne Unfall deshalb infrage.
- Die Ausnahme ist ein Unfall. Nach einem Sturz oder einer ausgekugelten Schulter mit plötzlichem Kraftverlust ist eine schnelle ärztliche Abklärung wichtig, oft auch mit MRT. Ein frischer, unfallbedingter Riss ist etwas anderes als die „grauen Haare“.
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Red Flags: Wann du zuerst zum Arzt solltest
Zum Beispiel bei einer heißen, geröteten Schulter mit Fieber, einer Fehlstellung nach einem Unfall, wenn du den Arm plötzlich nicht mehr heben kannst, bei Nachtschmerz in jeder Position oder Schulterschmerz mit Druck auf der Brust.
Quellen
Ibounig T, Järvinen TLN, et al. Incidental Rotator Cuff Abnormalities on Magnetic Resonance Imaging. JAMA Internal Medicine. 2026;186(4):406–414. doi:10.1001/jamainternmed.2025.7903 (frei zugänglich)
Minagawa H, Yamamoto N, Abe H, Fukuda M, Seki N, Kikuchi K, Kijima H, Itoi E. Prevalence of symptomatic and asymptomatic rotator cuff tears in the general population: From mass-screening in one village. Journal of Orthopaedics. 2013;10(1):8–12. doi:10.1016/j.jor.2013.01.008 (frei zugänglich)
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle Behandlung.