Power-Post #1

Schulter­impingement wird falsch erklärt

Von Felix Schenk, Physiotherapeut und Sportwissenschaftler (BSc) · 1. Oktober 2026 · 8 Minuten Lesezeit

Kurz gesagt

Die Erklärung „zu wenig Platz unter dem Schulterdach, die Sehne wird eingeklemmt“ stammt von 1972 und war eine Vermutung. Heute zeigen Studien: Schultern mit und ohne Schmerzen haben gleich viel Platz. Schmerzen werden besser, ohne dass der Platz größer wird. Und eine OP, die Platz schafft, wirkt nicht besser als eine Schein-OP, auch nach 10 Jahren nicht. Dein Schulterdach ist nicht das Problem. Der Weg raus führt über gezieltes Training.

Woher die Idee vom Einklemmen kommt

Den Begriff Impingement (englisch für „Einklemmen“) hat der amerikanische Schulterchirurg Charles Neer 1972 für die Schulter geprägt. Seine Idee: Wenn du den Arm hebst, wird der Raum unter dem Schulterdach (Akromion) eng. Die Supraspinatussehne und der Schleimbeutel darüber werden gegen den Knochen gedrückt, und das macht die Schmerzen.

So erklärt die Einklemm-Theorie den Schmerz
Schulterdach (Akromion) Oberarm Oberarmkopf Schleimbeutel Sehne (Supraspinatus) Arm 90° seitlich gehoben

Vereinfachte Darstellung der Theorie, nicht maßstabsgetreu. Die roten Pfeile zeigen den angenommenen Druck von oben.

Wie kam Neer darauf? Er hatte 100 Schulterblätter aus Körperspenden älterer Menschen untersucht. An vielen Schultern, deren Rotatorenmanschette geschädigt war, fand er an der Unterseite des vorderen Schulterdachs knöcherne Ausziehungen und Abriebspuren. Seine Folgerung: Der Knochen reibt an der Sehne. Also trug er diesen Teil des Schulterdachs operativ ab, in seiner ersten Arbeit bei 50 Schultern von 46 Patienten. Daraus wurde die Akromioplastik, heute meist subakromiale Dekompression genannt. Sie gehört bis heute zu den häufigsten geplanten Eingriffen in der Orthopädie.

Das Problem: Spuren sind kein Beweis

Neer hat beobachtet, dass Sehnenschäden und Knochenspuren oft zusammen auftreten. Dass der Knochen den Schaden verursacht, hat er damit nicht gezeigt. Beides kann zum Beispiel mit dem Alter zusammenhängen, ohne dass das eine das andere auslöst. Korrelation ist nicht Kausalität.

Dazu passt ein Detail, auf das der britische Schulterforscher Jeremy Lewis hinweist: Risse der Rotatorenmanschette liegen meist in der Sehne selbst oder auf ihrer Unterseite, also zum Gelenk hin. Würde das Schulterdach von oben scheuern, würde man sie vor allem auf der Oberseite erwarten.

Wenn die Theorie stimmt, muss das gelten

Die Theorie lässt sich in eine einfache Kette übersetzen: weniger Platz → mehr Einklemmen → mehr Schmerz. Daraus folgen drei Vorhersagen, die man überprüfen kann:

1

Schultern mit Schmerzen haben weniger Platz unter dem Schulterdach als Schultern ohne.

2

Wird der Schmerz besser, wird auch der Platz größer.

3

Wer operativ Platz schafft, hat danach weniger Schmerzen als nach einer Schein-OP.

Schauen wir uns an, was die Studien dazu sagen.

Prüfung 1: Haben schmerzende Schultern weniger Platz?

Ein Forschungsteam aus Australien und Dänemark hat 2020 die vorhandenen Studien dazu ausgewertet: 15 Studien mit 775 Teilnehmenden. Gemessen wurde der Abstand zwischen Schulterdach und Oberarmkopf, meist per Ultraschall, teils per Röntgen oder MRT. Und zwar bei hängendem Arm sowie bei 45° und 60° seitlich angehobenem Arm.

Platz unter dem Schulterdach: Schultern mit Schmerz im Vergleich zu ohne
Übersichtsarbeit: 15 Studien, 775 Personen Arm hängend Arm 45° gehoben Arm 60° gehoben Arm hängend +0,28 mm −0,02 mm −0,20 mm +2,14 mm Einzelstudie: 78 Personen (Hunter 2021) −10+1+2+3 mm ← weniger Platz bei Schmerz mehr Platz bei Schmerz →

Quellen: Park et al. 2020, Hunter et al. 2021. Punkt = Mittelwert, Linie = 95-%-Konfidenzintervall. Kreuzt die Linie die gestrichelte Null, ist kein Unterschied gesichert.

Das Ergebnis der Übersichtsarbeit: kein Unterschied, in keiner der drei Armpositionen. Die Abweichungen lagen bei höchstens 0,3 mm. Eine Einschränkung gehört dazu: Welchen Anteil des Raums die Sehne ausfüllt, war bei hängendem Arm in der Schmerzgruppe etwas größer (rund 5 Prozentpunkte). Der Raum ist also nicht kleiner, eher ist die Sehne etwas dicker.

Eine dickere Sehne fand auch eine Studie von 2021, die 39 Menschen mit der Diagnose Impingement mit 39 schmerzfreien Menschen gleichen Alters und Geschlechts verglichen hat. Die Sehne war in der Schmerzgruppe im Schnitt um 1,25 mm dicker, und der Raum war sogar größer, um 2,1 mm. Die Autoren folgern, dass die Beschwerden eher mit der dickeren Sehne zusammenhängen als mit einem zu kleinen Raum. Fair dazu: Das ist eine einzelne Studie, gemessen wurde nur bei hängendem Arm, und die Schmerzgruppe war im Schnitt schwerer, was einen Teil des Unterschieds erklärt.

✗ Vorhersage 1 nicht bestätigt

Prüfung 2: Wird der Platz größer, wenn der Schmerz besser wird?

Auch das hat die Übersichtsarbeit von 2020 untersucht. In den Studien dazu machten die Teilnehmenden meist ein Übungsprogramm über 2 bis 6 Wochen, zum Beispiel Kräftigung der Rotatorenmanschette, Dehnen oder manuelle Therapie. Schmerz und Funktion wurden oft besser. Der Abstand unter dem Schulterdach wurde dabei aber nicht verlässlich größer. Auch zwischen der Größe des Raums und der Stärke von Schmerz oder Einschränkung fand sich kein einheitlicher Zusammenhang.

Der Schmerz wird also besser, ohne dass sich der Platz verändert. Einschränkung: Das waren kleine Studien mit kurzer Laufzeit.

✗ Vorhersage 2 nicht bestätigt

Prüfung 3: Hilft es, operativ Platz zu schaffen?

Das ist der härteste Test. Bei der subakromialen Dekompression trägt der Chirurg Knochen und Weichgewebe unter dem Schulterdach ab, um mehr Platz zu schaffen. Stimmt die Theorie, muss das besser wirken als eine Schein-OP: Dabei wird nur eine Kamera ins Gelenk geschoben, abgetragen wird nichts. Die Patienten wissen nicht, welche der beiden OPs sie bekommen haben. Zwei große Studien haben genau das getestet.

CSAW · Großbritannien · Lancet 2018

313 Patienten, 32 Kliniken

Alle hatten seit mindestens 3 Monaten Schmerzen und schon ein Übungsprogramm und mindestens eine Kortisonspritze hinter sich. Per Los bekamen sie die echte OP, die Schein-OP oder keine Behandlung. Nach 6 Monaten und nach 1 Jahr gab es zwischen echter OP und Schein-OP keinen Unterschied (Oxford Shoulder Score nach 1 Jahr: 38,2 und 38,4 von 48 Punkten). Beide OP-Gruppen schnitten etwas besser ab als die Gruppe ohne Behandlung, aber so knapp, dass es klinisch nicht bedeutsam war.

FIMPACT · Finnland · BMJ 2025

193 Patienten, 10 Jahre beobachtet

Die Teilnehmenden zwischen 35 und 65 Jahren bekamen per Los die echte OP, die Schein-OP oder ein Übungsprogramm. Weder sie noch die Untersucher wussten, wer echt operiert worden war. Nach 10 Jahren waren noch 168 von ihnen dabei.

Schmerz bei Armbewegung (0 bis 100), vorher und nach 10 Jahren
806040200 71,214,2 72,317,4 72,423,6 Echte OPSchein-OPTraining
vorher
nach 10 Jahren

Quelle: Kanto et al. 2025 (FIMPACT), Mittelwerte. 0 = kein Schmerz, 100 = stärkster vorstellbarer Schmerz. Unterschied echte OP gegen Schein-OP nach 10 Jahren: 3,2 Punkte (95-%-Konfidenzintervall −13,0 bis 6,5). Als spürbar gilt ein Unterschied ab 15 Punkten.

Alle drei Gruppen hatten sich deutlich verbessert: Der Schmerz bei Armbewegung fiel von gut 70 auf 14 bis 24 Punkte, das meiste davon in den ersten 5 Jahren. Zwischen echter OP und Schein-OP lagen nach 10 Jahren aber nur 3,2 Punkte, in Ruhe sogar nur 1,5. Für Patienten spürbar wird ein Unterschied erst ab etwa 15 Punkten.

Ehrlicherweise gehört dazu: Die Trainingsgruppe lag beim Schmerz bei Armbewegung im Schnitt 9,4 Punkte hinter der OP-Gruppe. Das war statistisch nicht gesichert und liegt unter der Schwelle von 15 Punkten. Einen kleinen Vorteil gegenüber Training schließt das nicht ganz aus. Gegenüber der Schein-OP zeigte die echte OP aber keinen Vorteil, und das ist der entscheidende Vergleich: Nur er zeigt, ob das Abtragen des Knochens selbst etwas bringt. Das Fazit der Studienautoren: Die OP brachte über 10 Jahre keinen Vorteil, weder gegenüber der Schein-OP noch gegenüber Training.

Wichtig für die Einordnung: Beide Studien haben Menschen mit vollständig gerissener Sehne ausgeschlossen. Für einen frischen Riss nach einem Unfall gelten andere Regeln.

✗ Vorhersage 3 nicht bestätigt

Der Raum unter dem Schulterdach muss sich nicht verändern, damit deine Schulterschmerzen besser werden.

Und wenn sich Sehne und Schulterdach berühren?

Beim Armheben kommen sich Sehne und Schulterdach näher, das gehört zur normalen Bewegung. Ob sie sich dabei auch berühren, ist von Mensch zu Mensch verschieden. In einer Studie mit 40 Erwachsenen, mit und ohne Schulterschmerzen, wurde die Schulter beim Armheben per Röntgen-Durchleuchtung gefilmt. Bei 45 % kam es irgendwann im Bewegungsablauf zu Kontakt. Die Forscher schließen daraus, dass Einklemmen seltener ist als lange angenommen. Und dass der Platz allein den Schmerz erklärt, haben die drei Prüfungen oben nicht bestätigt.

Ein besserer Begriff

Viele Fachleute schlagen deshalb vor, das Wort Impingement durch einen ehrlicheren Begriff zu ersetzen. Jeremy Lewis nutzt rotator cuff related shoulder pain (RCRSP), auf Deutsch etwa: Schulterschmerz, der mit der Rotatorenmanschette zusammenhängt. Der Begriff fasst Impingement-Syndrom, Sehnenreizung (Tendinopathie) und Teil- oder Vollrisse ohne Unfall unter einem Dach zusammen.

Er beschuldigt keine einzelne Struktur und schon gar keinen „zu großen Knochen“. Damit wird auch verständlich, warum Training hilft, obwohl am Knochen nichts verändert wird.

Lewis schreibt, ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Form des Schulterdachs, Reibung und Sehnenschäden sei nicht belegt. Behandler sollten das Schulterdach deshalb nicht als Ursache benennen, denn der Begriff Impingement könne eine falsche Vorstellung davon wecken, wie die Beschwerden entstehen.

Und wer glaubt, beim Armheben werde etwas eingeklemmt, hebt den Arm verständlicherweise ungern. Genau das bremst aber die Behandlung, die nachweislich hilft. Laut Lewis bringt ein gut aufgebautes, schrittweise gesteigertes Training mindestens so viel wie eine OP, auch wenn nicht jeder dabei ganz beschwerdefrei wird.

Was laut aktuellen Leitlinien bei diesem Beschwerdebild hilft, von der Diagnose bis zum Training, steht auf der Diagnoseseite Rotatorenmanschetten-bezogener Schulterschmerz.

Was du daraus mitnehmen kannst

  1. Arm heben ist nicht gefährlich. Deine Schulter wird dadurch nicht kaputt.
  2. Dein Schulterdach ist nicht das Problem. Der Raum darunter ist nicht „zu klein“ und muss sich nicht verändern, damit es besser wird.
  3. Belastbarkeit aufbauen ist der Schlüssel. Gezieltes Training, das du schrittweise steigerst, macht die Schulter wieder belastbar. Das ist auch ohne OP der Weg, der in den Studien funktioniert hat.
  4. Lass dich vom Wort nicht ausbremsen. Steht „Impingement“ in deinem Befund, beschreibt das deine Beschwerden, nicht ihre Ursache. Eine OP, die Platz schafft, hilft laut den besten Studien nicht besser als eine Schein-OP.

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Red Flags: Wann du zuerst zum Arzt solltest

Zum Beispiel bei einer heißen, geröteten Schulter mit Fieber, einer Fehlstellung nach einem Unfall, wenn du den Arm plötzlich nicht mehr heben kannst, bei Nachtschmerz in jeder Position oder Schulterschmerz mit Druck auf der Brust.

Alle Red Flags nach Dringlichkeit →

Quellen

Neer CS. Anterior acromioplasty for the chronic impingement syndrome in the shoulder: a preliminary report. Journal of Bone and Joint Surgery (American Volume). 1972;54(1):41–50. PubMed 5054450

Park SW, Chen YT, Thompson L, Kjoenoe A, Juul-Kristensen B, Cavalheri V, McKenna L. No relationship between the acromiohumeral distance and pain in adults with subacromial pain syndrome: a systematic review and meta-analysis. Scientific Reports. 2020;10:20611. doi:10.1038/s41598-020-76704-z (frei zugänglich)

Hunter DJ, Rivett DA, McKiernan S, Snodgrass SJ. Acromiohumeral distance and supraspinatus tendon thickness in people with shoulder impingement syndrome compared to asymptomatic age and gender-matched participants: a case control study. BMC Musculoskeletal Disorders. 2021;22:1004. doi:10.1186/s12891-021-04885-3 (frei zugänglich)

Beard DJ, Rees JL, Cook JA, et al. Arthroscopic subacromial decompression for subacromial shoulder pain (CSAW): a multicentre, pragmatic, parallel group, placebo-controlled, three-group, randomised surgical trial. The Lancet. 2018;391(10118):329–338. doi:10.1016/S0140-6736(17)32457-1 (frei zugänglich)

Kanto K, Bäck M, Ibounig T, et al. Arthroscopic subacromial decompression versus placebo surgery for subacromial pain syndrome: 10 year follow-up of the FIMPACT randomised, placebo surgery controlled trial. BMJ. 2025;391:e086201. doi:10.1136/bmj-2025-086201 (frei zugänglich)

Lewis J. Rotator cuff related shoulder pain: Assessment, management and uncertainties. Manual Therapy. 2016;23:57–68. doi:10.1016/j.math.2016.03.009

Lawrence RL, Braman JP, Ludewig PM. The Impact of Decreased Scapulothoracic Upward Rotation on Subacromial Proximities. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2019;49(3):180–191. doi:10.2519/jospt.2019.8590

Felix Schenk

Felix Schenk

Physiotherapeut (staatlich anerkannt in Deutschland) und Sportwissenschaftler (BSc, Universität Wien). Schwerpunkt: Schulterprobleme im Kraft- und Überkopfsport. Erfahrung aus der Medical Crew der Neu-Ulm Spartans (American Football) und als Assistenzphysiotherapeut der OrangeAcademy Ulm (Basketball). Grundlage seiner Arbeit sind über 100 aufgearbeitete Studien und Leitlinien.

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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle Behandlung.

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