Reha-Logik #3

Schulterschmerzen beim Tennis: Warum du nicht aufhören musst

Von Felix Schenk, Physiotherapeut und Sportwissenschaftler (BSc) · 21. Oktober 2026 · 5 Minuten Lesezeit

Bevor du loslegst

Dieser Artikel gilt nur, wenn zwei Dinge zutreffen:

Im Zweifel: lieber einmal untersuchen lassen.

Der Teufelskreis: zu lange zu wenig, dann zu schnell zu viel

Bei Schmerzproblemen im Sport gerät man schnell in einen Teufelskreis, der scheinbar nie aufhört. Die Schulter tut beim Tennis weh, also pausierst du. In der Pause baut die Schulter ab und verliert an Belastbarkeit. Sobald es besser ist, gehst du zurück auf den Platz und spielst wie vorher, und die Schmerzen sind wieder da.

Man macht zu lange zu wenig und dann zu schnell zu viel auf einmal. Und das immer wieder.

Dass gerade diese Sprünge der Schulter zu schaffen machen, zeigt auch eine Studie aus Schweden (Johansson et al. 2022). 301 junge Tennisspieler im Turnierbetrieb, zwischen 13 und 19 Jahre alt, wurden ein Jahr lang jede Woche zu Training, Matches und Schulterbeschwerden befragt. Als Belastungsspitze galt eine Woche, in der sie mehr als das 1,3-Fache ihres Durchschnitts der Wochen davor trainierten oder spielten.

301

junge Turnierspieler, ein Jahr lang jede Woche begleitet

+26 %

höhere Rate an Schulterbeschwerden mit jeder weiteren Belastungsspitze

Es ist eine Beobachtungsstudie mit Jugendlichen. Sie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis. Die Schlussfolgerung der Autoren passt aber genau hierher: Eine gleichmäßige Belastung von Woche zu Woche ist für die Schulter besser als plötzliche Sprünge.

Um aus diesem Kreislauf herauszukommen, musst du herausfinden, was deine Schulter genau reizt.

Nicht Tennis ist das Problem, sondern einzelne Schläge

Es stimmt nicht, dass „Tennis“ zu viel ist. Hier müssen wir genauer hinschauen. Die verschiedenen Schläge belasten die Schulter sehr unterschiedlich:

Oft zu viel

Der erste Aufschlag mit voller Wucht, über mehrere Sätze hinweg.

Oft kein Problem

Lange Vor- und Rückhandschläge von der Grundlinie.

Bei bestehenden Schulterschmerzen ist also meist nicht das Tennisspielen im Allgemeinen der Übeltäter, sondern einzelne Schläge, die das Problem immer wieder an die Oberfläche bringen.

Die Lösung: ein Limit statt einer Pause

Die Lösung ist deshalb nicht, komplett mit Tennis aufzuhören, sondern ein Limit zu setzen, und zwar für die problematische Schlagform. Alles andere spielst du weiter.

Limit = eine Belastungsgrenze, die du nicht überschreitest.

Wo dein Limit liegt

Wo genau dein Limit liegt, hängt davon ab, wie gereizt deine Schulter ist und wie lange das Problem schon anhält:

So findest du den Auslöser

Oft wissen Spieler selbst schon, was es ist: Nach vielen Aufschlägen wird es schlimmer. Dann ist klar, wo du ansetzt.

Erinnerst du dich nicht, nach welchem Schlag die Schulter wehtut, gehst du nach dem Ausschlussprinzip vor: Du streichst die Schläge, die die Schulter am stärksten belasten, einen nach dem anderen, zum Beispiel zuerst den Aufschlag, dann den Schmetterball. Ändere immer nur eine Sache auf einmal. Nur so kannst du genau sagen, was welchen Effekt hat.

So setzt du das Limit beim Aufschlag

Ist der Aufschlag der Verdächtige, gehst du so vor:

  1. Ziel wechseln: Qualität statt Wucht

    Nutze die Aufschläge vorübergehend für die Technik. Platziere sie gezielt und arbeite an der Qualität, nicht an der Geschwindigkeit.

  2. Wucht um mindestens die Hälfte reduzieren

    Schlag anfangs mit höchstens 50 % deiner normalen Wucht auf. So siehst du, ob der Aufschlag wirklich der Auslöser ist.

  3. Reaktion beobachten

    Achte auf den Schmerz während des Trainings und darauf, wie sich die Schulter am nächsten Morgen anfühlt (die 24-Stunden-Regel).

  4. Schrittweise steigern

    Bleibt der Schmerz im Training konstant gering, wird nicht schlimmer und ist auch am nächsten Tag nicht stärker, reduzierst du nur noch um 40 %, also 60 % Wucht. Dann um 30 %, und so weiter.

50 %→60 %→70 %→80 %→90 %→100 %

Die nächste Stufe gibt es erst, wenn die Schulter die aktuelle im Training und am nächsten Morgen gut verträgt.

Gilt auch für andere Überkopfsportarten

Das Prinzip lässt sich auf jeden Überkopfsport übertragen: Im Volleyball sind es oft der Angriffsschlag und der Sprungaufschlag, im Handball der Wurf, im Badminton der Smash. Such die eine Bewegung, die das Problem immer wieder hervorholt, setz dort ein Limit und spiel den Rest weiter. Nach demselben Muster funktioniert es übrigens im Kraftsport, siehe Schulterschmerzen beim Bankdrücken.

Hör nicht mit dem Tennis auf. Finde den Schlag, der die Schulter reizt, und setz genau dort ein Limit.

Was du daraus mitnehmen kannst

  1. Pause und Comeback im Wechsel halten den Teufelskreis am Laufen: zu lange zu wenig, dann zu schnell zu viel.
  2. Selten ist „Tennis“ das Problem, sondern einzelne Schläge, oft der erste Aufschlag mit voller Wucht.
  3. Ein Limit statt einer Pause: eine Belastungsgrenze für genau diesen Schlag. Alles andere spielst du weiter.
  4. Wie früh das Limit liegt, hängt davon ab, wie gereizt die Schulter ist und wie lange das Problem schon besteht.
  5. Unklarer Auslöser? Streich die stark belastenden Schläge einzeln, immer nur einen auf einmal.
  6. Beim Aufschlag: Qualität statt Wucht, mit höchstens 50 % starten, über die 24-Stunden-Regel in 10-%-Schritten steigern.

Wie du allgemein mit Schulterschmerzen weitertrainierst, liest du im Artikel Ist Krafttraining trotz Schulterschmerzen möglich?

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Red Flags: Wann du zuerst zum Arzt solltest

Zum Beispiel bei einer heißen, geröteten Schulter mit Fieber, einer Fehlstellung nach einem Unfall, wenn du den Arm plötzlich nicht mehr heben kannst, bei Nachtschmerz in jeder Position oder Schulterschmerz mit Druck auf der Brust.

Alle Red Flags nach Dringlichkeit →

Quelle

Johansson F, Cools A, Gabbett T, Fernandez-Fernandez J, Skillgate E. Association Between Spikes in External Training Load and Shoulder Injuries in Competitive Adolescent Tennis Players: The SMASH Cohort Study. Sports Health. 2022;14(1):103–110. Frei zugänglich. doi:10.1177/19417381211051643

Felix Schenk

Felix Schenk

Physiotherapeut (staatlich anerkannt in Deutschland) und Sportwissenschaftler (BSc, Universität Wien). Schwerpunkt: Schulterprobleme im Kraft- und Überkopfsport. Erfahrung aus der Medical Crew der Neu-Ulm Spartans (American Football) und als Assistenzphysiotherapeut der OrangeAcademy Ulm (Basketball). Grundlage seiner Arbeit sind über 100 aufgearbeitete Studien und Leitlinien.

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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle Behandlung.

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