Studien-Review #2

Cortison-Spritze bei Schulterschmerzen: Freund oder Feind?

Von Felix Schenk, Physiotherapeut und Sportwissenschaftler (BSc) · 1. Oktober 2026 · 5 Minuten Lesezeit

Kurz gesagt

Bei den häufigsten Schulterschmerzen, Sehnenbeschwerden der Rotatorenmanschette, lindert eine Cortison-Spritze den Schmerz nur kurz und nur bei wenigen. Am meisten bringt sie nach 4 bis 8 Wochen. Nach 3 Monaten ist kein Unterschied zu einer Placebo-Spritze mehr gesichert, und über 12 Monate bringt sie auch zusätzlich zur Physiotherapie nichts. Die Ausnahme ist die Frozen Shoulder: Hier hilft eine frühe Spritze ins Gelenk, am besten zusammen mit Übungen. Langfristig wirksam? Nein. Sinnlos? Auch nicht.

Die Theorie: Cortison hemmt Entzündungen

Cortison ist ein starker Entzündungshemmer. Die Idee hinter der Spritze in die Schulter: Die Entzündung geht zurück, der Schmerz lässt nach, und die Schulter funktioniert wieder besser. So jedenfalls die Theorie.

Das Problem: Die häufigsten Schulterschmerzen beruhen oft gar nicht in erster Linie auf einer Entzündung. Die Autoren der ersten Studie unten beschreiben Sehnenbeschwerden der Rotatorenmanschette als langsame Veränderung der Sehne ohne Entzündung, die mit dem Alter normal ist und die häufigste Ursache für Schulterschmerzen. Wie häufig solche Veränderungen sind, auch ohne Schmerzen, steht im Artikel Was bedeutet dein Schulter-MRT wirklich? Das lässt Zweifel aufkommen, ob ein Entzündungshemmer hier viel ausrichten kann. Was sagen die Studien?

Was bringt die Spritze im Vergleich zu Placebo?

Ein Team aus Boston und Texas hat 2017 die passenden Studien zusammengefasst: 11 Studien mit 726 Patienten, in denen eine Cortison-Spritze unter das Schulterdach mit einer Placebo-Spritze verglichen wurde. Alle hatten Sehnenbeschwerden der Rotatorenmanschette.

Quelle: Mohamadi et al. 2017. Balkenlänge = Effektstärke im Vergleich zu Placebo (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,44, 0,52 und 0,23). Der letzte Wert ist statistisch nicht gesichert.

Die Ergebnisse auf einen Blick:

  1. Der Effekt ist klein und kurz. Am größten war der Vorteil gegenüber Placebo nach 4 bis 8 Wochen. Nach 3 Monaten war kein Unterschied mehr gesichert.
  2. Nur 1 von 5 profitiert spürbar. Rechnerisch müssen 5 Menschen gespritzt werden, damit einer nach 4 bis 8 Wochen nur noch leichte Schmerzen hat, was er mit der Placebo-Spritze nicht geschafft hätte.
  3. Mehrere Spritzen sind nicht besser als eine. Zu keinem Zeitpunkt brachten wiederholte Spritzen mehr als eine einzelne.

Das Fazit der Autoren: Cortison-Spritzen bringen bestenfalls eine minimale, vorübergehende Schmerzlinderung bei wenigen Patienten und ändern den natürlichen Verlauf nicht. Sie vermuten auch, dass der Placebo-Effekt von Spritzen oft unterschätzt wird.

Und zusätzlich zur Physiotherapie?

Eine große Studie aus Großbritannien (GRASP, 2021) hat das an 708 Patienten aus 20 Kliniken des britischen Gesundheitsdienstes geprüft, alle mit Beschwerden an der Rotatorenmanschette, die in den letzten 6 Monaten neu aufgetreten waren. Die Hälfte bekam vorab eine Cortison-Spritze, die andere nicht. Danach machten alle Physiotherapie: entweder ein betreutes Übungsprogramm mit bis zu 6 Terminen oder eine einzelne Beratung mit Heimübungen.

Physiotherapie plus Cortison gegen Physiotherapie allein: Vorteil durch die Spritze

Quelle: Hopewell et al. 2021 (GRASP). Gemessen mit dem SPADI-Fragebogen zu Schulterschmerz und Funktion (0 bis 100). Als spürbar gilt ein Unterschied ab 8 Punkten. Der Wert über 12 Monate ist statistisch nicht gesichert.

Nach 8 Wochen ging es den Patienten mit Spritze etwas besser, um 5,6 Punkte. Das liegt unter der Schwelle von 8 Punkten, ab der Patienten einen Unterschied spüren. Und die Vergleichsgruppe bekam keine Placebo-Spritze, sondern gar keine. Ein Teil des Vorteils kann also schon daher kommen, überhaupt eine Spritze bekommen zu haben.

Über 12 Monate betrachtet gab es keinen Unterschied. Ob man Physiotherapie allein macht oder mit einer Cortison-Spritze kombiniert, ändert am langfristigen Ergebnis nichts. Übrigens: Auch das betreute Übungsprogramm war nicht besser als die einzelne Beratung mit Heimübungen. Übungen gehörten aber in beiden Gruppen dazu.

Hilft Cortison wenigstens bei einer Schleimbeutelentzündung?

Naheliegende Idee: Wenn im Ultraschall eine Entzündung des Schleimbeutels (Bursitis) zu sehen ist, müsste der Entzündungshemmer dort besser wirken. Eine französische Studie von 2024 hat das an 100 Patienten mit Sehnenbeschwerden der Rotatorenmanschette geprüft. Alle bekamen eine ultraschallgeführte Cortison-Spritze in den Schleimbeutel, 49 von ihnen hatten dort eine sichtbare Entzündung.

Nach 3 Monaten hatte gut die Hälfte mehr als 30 % weniger Schmerz, mit und ohne Schleimbeutelentzündung etwa gleich oft. Auch kein anderes Merkmal im Ultraschall oder Röntgen sagte voraus, wem die Spritze hilft. Die Autoren folgern, dass die Suche nach einer Bursitis im Ultraschall für die Entscheidung über eine Spritze nicht weiterhilft.

Wichtig zur Einordnung: Eine Vergleichsgruppe ohne Cortison gab es in dieser Studie nicht. Die Besserung bei gut der Hälfte zeigt also nicht, wie viel davon wirklich vom Cortison kommt.

Welche Risiken hat die Spritze für die Sehne?

Rein auf die Schulter bezogen gibt es einen Verdacht: Cortison könnte das Risiko für einen späteren Sehnenriss erhöhen. Eine Studie aus Taiwan von 2022 hat dazu die Daten von 1.025 Patienten mit Schulterbeschwerden aus einer Klinik ausgewertet. 205 von ihnen hatten Cortison-Spritzen bekommen. In den folgenden Jahren wurde bei 9,8 % der Gespritzten ein Riss der Rotatorenmanschette festgestellt, bei den übrigen nur bei 1,2 %.

Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis. Die Klinikdaten enthielten weder Art noch Schwere der Beschwerden. Wer eine Spritze bekommt, hat oft stärkere Beschwerden und wird häufiger untersucht. Insgesamt gab es nur 30 Risse, und wer mehr Spritzen bekam, hatte nicht nachweislich häufiger einen Riss.

Dazu passt aber, was die Autoren der ersten Studie schreiben: Cortison baut Gewebe eher ab und beschleunigt vermutlich den Verschleiß der Sehne. Es könnte also sein, dass Cortison der Sehne auf lange Sicht eher schadet. Sicher belegt ist das nicht, ein Grund für eine sorgfältige Abwägung ist es trotzdem.

Die Ausnahme: Frozen Shoulder

Anders sieht es bei der Frozen Shoulder aus, der „eingefrorenen Schulter“. Hier spielen Entzündungsprozesse eine größere Rolle, zusammen mit einer Vernarbung (Fibrose) der Gelenkkapsel. Für einen Entzündungshemmer ist das schon theoretisch ein plausiblerer Ansatzpunkt.

Eine große Übersichtsarbeit von 2020 mit 65 Studien und 4.097 Teilnehmenden hat die verfügbaren Behandlungen der Frozen Shoulder verglichen. Nur die Cortison-Spritze ins Gelenk (nicht unter das Schulterdach wie bei den Sehnenbeschwerden) war in den ersten 12 Wochen klar besser als Placebo und als Physiotherapie, bei Schmerz und Funktion. Gegenüber Physiotherapie hielt der Vorteil nach 4 bis 6 Monaten nur noch bei der Beweglichkeit an, nicht mehr bei Schmerz und Funktion. Kombiniert mit einfachen Heimübungen und Dehnungen schnitt die Spritze wahrscheinlich auch nach 4 bis 6 Monaten noch besser ab als keine Behandlung oder Placebo.

Die Autoren empfehlen deshalb, die Spritze ins Gelenk früh einzusetzen, bei Beschwerden, die noch kein Jahr bestehen, und zusammen mit einem Heimübungsprogramm. Bei der Frozen Shoulder ist Cortison also ein sinnvoller Baustein der ersten Behandlung, zusammen mit Übungen. Wie die Frozen Shoulder verläuft und was laut Leitlinie sonst noch hilft, erklärt die Seite Frozen Shoulder verständlich erklärt.

Ist Cortison also sinnlos?

Nein. Wer starke Schmerzen hat, für den kann eine kurze Linderung viel wert sein. Und nicht jeder möchte für sein Problem aktiv Übungen machen. Manche Menschen sind froh, wenn es einen anderen Weg gibt, der ihre Beschwerden zumindest für eine Weile lindert. Entscheidend ist, dass du weißt, was die Spritze kann und was nicht, und dass deine Wünsche bei der Entscheidung mitzählen.

Langfristig wirksam? Nein. Aber auch nicht sinnlos.

Was du daraus mitnehmen kannst

  1. Bei Sehnenbeschwerden der Rotatorenmanschette hilft Cortison höchstens kurz. Der größte Effekt zeigt sich nach 4 bis 8 Wochen, nach 3 Monaten ist kein Vorteil gegenüber Placebo mehr gesichert.
  2. Mehr Spritzen bringen nicht mehr. Und möglicherweise schadet Cortison der Sehne auf Dauer.
  3. Langfristig zählt, was deine Schulter wieder verträgt. In der großen britischen Studie gehörten Übungen in allen Gruppen dazu, mit oder ohne Spritze.
  4. Bei einer Frozen Shoulder lohnt sich ein frühes Gespräch mit deinem Arzt über eine Spritze ins Gelenk, zusammen mit Heimübungen.
  5. Deine Wünsche zählen. Wenn du kurzfristige Linderung willst, ist das ein legitimes Ziel. Besprich mit deinem Arzt, was du dir von der Spritze erhoffst.

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Red Flags: Wann du zuerst zum Arzt solltest

Zum Beispiel bei einer heißen, geröteten Schulter mit Fieber, einer Fehlstellung nach einem Unfall, wenn du den Arm plötzlich nicht mehr heben kannst, bei Nachtschmerz in jeder Position oder Schulterschmerz mit Druck auf der Brust.

Alle Red Flags nach Dringlichkeit →

Quellen

Mohamadi A, Chan JJ, Claessen FMAP, Ring D, Chen NC. Corticosteroid Injections Give Small and Transient Pain Relief in Rotator Cuff Tendinosis: A Meta-analysis. Clinical Orthopaedics and Related Research. 2017;475(1):232–243. doi:10.1007/s11999-016-5002-1 (frei zugänglich)

Hopewell S, Keene DJ, Marian IR, et al. Progressive exercise compared with best practice advice, with or without corticosteroid injection, for the treatment of patients with rotator cuff disorders (GRASP): a multicentre, pragmatic, 2 × 2 factorial, randomised controlled trial. The Lancet. 2021;398(10298):416–428. doi:10.1016/S0140-6736(21)00846-1 (frei zugänglich)

Metayer B, Fouasson-Chailloux A, Le Goff B, Darrieutort-Laffite C. A prospective study of 100 patients with rotator cuff tendinopathy showed no correlation between subacromial bursitis and the efficacy of ultrasound-guided corticosteroid injection. European Radiology. 2024;34(1):300–307. doi:10.1007/s00330-023-09989-z

Lin CY, Huang SC, Tzou SJ, Yin CH, Chen JS, Chen YS, Chang ST. A Positive Correlation between Steroid Injections and Cuff Tendon Tears: A Cohort Study Using a Clinical Database. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2022;19(8):4520. doi:10.3390/ijerph19084520 (frei zugänglich)

Challoumas D, Biddle M, McLean M, Millar NL. Comparison of Treatments for Frozen Shoulder: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Network Open. 2020;3(12):e2029581. doi:10.1001/jamanetworkopen.2020.29581 (frei zugänglich)

Felix Schenk

Felix Schenk

Physiotherapeut (staatlich anerkannt in Deutschland) und Sportwissenschaftler (BSc, Universität Wien). Schwerpunkt: Schulterprobleme im Kraft- und Überkopfsport. Erfahrung aus der Medical Crew der Neu-Ulm Spartans (American Football) und als Assistenzphysiotherapeut der OrangeAcademy Ulm (Basketball). Grundlage seiner Arbeit sind über 100 aufgearbeitete Studien und Leitlinien.

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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder individuelle Behandlung. Ob eine Spritze für dich sinnvoll ist, besprich bitte mit deinem Arzt.

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