Schulter-Diagnose

Frozen Shoulder

Schultersteife, verständlich erklärt nach aktueller Leitlinie

Von Felix Schenk, Physiotherapeut und Sportwissenschaftler (BSc) · Stand: Oktober 2026 · Grundlage: deutsche S2e-Leitlinie „Schultersteife“ (gültig bis April 2027)

Kurz gesagt

Bei den meisten wird es besser, es dauert nur. Bei einer Frozen Shoulder entzündet sich die Gelenkkapsel der Schulter, verdickt und schrumpft. Die Schulter schmerzt und wird steif. Laut Leitlinie klingt sie meist von selbst ab, oft nach Monaten bis Jahren. Am besten helfen Übungen und Physiotherapie, früh oft zusammen mit einer Cortison-Spritze ins Gelenk. Wichtig: bewegen ja, aber nicht in den Schmerz hinein dehnen.

Bevor du loslegst

Diese Seite ersetzt keine Untersuchung. Die Diagnose stellt ein Arzt, laut Leitlinie gehört ein Röntgenbild dazu, um andere Ursachen auszuschließen. Treten Red Flags auf (Fieber, Nachtschweiß oder ungewollter Gewichtsverlust, plötzliche Steife nach einem Sturz oder Unfall), lass das zuerst ärztlich abklären. Nach einer Schulter-OP gelten die Vorgaben deines Operateurs.

Was ist eine Frozen Shoulder?

Das Schultergelenk ist von einer Gelenkkapsel umgeben, einer dünnen, beweglichen Hülle. Bei einer Frozen Shoulder entzündet sich diese Kapsel, verdickt, vernarbt und schrumpft. Dadurch hat das Gelenk weniger Spielraum, und die Schulter wird steif. Fachleute sprechen von einer Schultersteife oder adhäsiven Kapsulitis.

Normale SchulterKapsel dünn und weit
Frozen ShoulderKapsel verdickt und geschrumpft

Vereinfachte Darstellung, nicht maßstabsgetreu. Unten am Gelenk liegt eine Kapselfalte, die bei einer Frozen Shoulder deutlich enger wird.

Stell dir die Kapsel wie einen Pullover vor, der in der Wäsche eingelaufen ist: steifer, enger, mit weniger Spielraum. Deshalb kannst du den Arm nicht mehr frei bewegen, nicht weil etwas eingeklemmt oder gerissen ist, sondern weil die Hülle um das Gelenk zu eng geworden ist.

Betroffen sind laut Leitlinie etwa 2 bis 5 von 100 Menschen, meist zwischen 40 und 60 Jahren, Frauen etwas häufiger als Männer. Deutlich häufiger tritt sie bei Diabetes und bei Erkrankungen der Schilddrüse auf. Entsteht sie ohne erkennbaren Grund, heißt sie „primär“. Folgt sie auf eine Verletzung, eine Operation oder eine Begleiterkrankung wie Diabetes, heißt sie „sekundär“. Meist lässt sich keine klare Ursache finden.

Typische Anzeichen

Typisch ist auch: Selbst wenn jemand anderes deinen Arm bewegt, kommt er nicht weiter. Kann ein Therapeut deinen Arm deutlich höher heben als du selbst, spricht das eher für ein anderes Problem, etwa an den Sehnen der Rotatorenmanschette.

Nicht typisch sind laut Leitlinie Kraftverlust und das Gefühl, dass die Schulter instabil ist oder herausspringt. Dann steckt eher etwas anderes dahinter.

So wird die Diagnose gestellt

Die Diagnose stellt der Arzt vor allem anhand deiner Beschwerden und der Untersuchung: Wie weit lässt sich die Schulter bewegen, selbst und von außen, vor allem beim Drehen nach außen, und wie fühlt sich der Anschlag an? Einen einzelnen Test, der eine Frozen Shoulder sicher beweist, gibt es nicht. Ergänzend sieht die Leitlinie vor:

Starke EmpfehlungExpertenkonsens

Röntgen

Soll gemacht werden, um knöcherne Ursachen der Steife auszuschließen, etwa eine Arthrose.

Empfehlung

MRT, wenn der Befund unklar ist

Es hilft, die Diagnose zu stützen und andere Ursachen auszuschließen. Ist die Untersuchung eindeutig, braucht es meist kein MRT.

Kann erwogen werden

Ultraschall

Neben dem Röntgen als erste Orientierung, zum Beispiel um eine Schleimbeutelentzündung oder einen größeren Sehnenriss auszuschließen.

Spezielle Blutwerte für eine Frozen Shoulder gibt es nicht. Ob bei der ersten Diagnose nach einem Diabetes gesucht werden sollte, lässt die Leitlinie offen.

Wie verläuft sie?

Viele Fachleute beschreiben drei Phasen:

1
Einfrieren
etwa 2 bis 10 Monate

Die Schmerzen nehmen zu, zuerst bei Bewegung, dann auch in Ruhe. Die Beweglichkeit nimmt ab.

2
Eingefroren
etwa 3 bis 12 Monate

Die Steifigkeit steht im Vordergrund, die Schmerzen lassen nach.

3
Auftauen
etwa 5 bis 24 Monate

Die Beweglichkeit kommt zurück, die Schmerzen gehen weiter zurück.

Quelle: S2e-Leitlinie Schultersteife. Nicht alle Fachleute teilen diese Einteilung, und nicht bei jedem laufen die Phasen so klar nacheinander ab.

In der Praxis überlappen sich die Phasen, und gute und schlechte Wochen wechseln sich ab. Das ist normal und kein Zeichen, dass etwas schiefläuft. Denk in Monaten, nicht in Tagen. Für dich wichtiger als der Name der Phase ist die Frage: Steht gerade der Schmerz oder die Steifigkeit im Vordergrund? Danach richtet sich, was du tun kannst.

Laut Leitlinie gilt die Frozen Shoulder meist als Erkrankung, die von selbst wieder abklingt. Bis die Kapsel sich vollständig erholt, kann es aber Jahre dauern.

59 %

hatten in einer Langzeitstudie im Schnitt 4,4 Jahre nach Beginn keine oder nur noch geringe Beschwerden (laut Leitlinie).

Schwere, dauerhafte Einschränkungen sind selten. Wer Restbeschwerden behält, hat laut Leitlinie meist eine leicht schmerzhafte, leicht eingeschränkte Schulter.

Was laut Leitlinie hilft

Die deutsche Leitlinie gibt jeder Empfehlung eine Stärke. So kannst du die Kennzeichnungen lesen:

Starke Empfehlungsoll gemacht werden
Empfehlungsollte gemacht werden
Kann erwogen werdenoffene Option
Nicht empfohlensollte nicht gemacht werden
ExpertenkonsensFachkonsens statt Studien
Empfehlung

Übungsprogramm und Physiotherapie

Übungen, allein oder zusammen mit weiterer Physiotherapie, verbessern Beweglichkeit, Funktion und Schmerz, vor allem in den ersten beiden Phasen. Auch manuelle Therapie wird empfohlen und lässt sich mit Training kombinieren.

Starke Empfehlung

Cortison-Spritze ins Gelenk

In den ersten 3 Monaten wirkt sie besser als Physiotherapie allein, nach 3 bis 12 Monaten sind beide gleich gut. Eine niedrige Dosis reicht. Am besten wirkt die Kombination aus Spritze und Physiotherapie (Empfehlung). Bei Diabetes ist die Datenlage zu dünn, hier gibt die Leitlinie keine Empfehlung. Mehr dazu im Artikel Cortison-Spritze bei Schulterschmerzen.

EmpfehlungExpertenkonsens

Aufklärung über den Verlauf

Zu wissen, dass die Erkrankung lange dauern kann und nicht gleichmäßig besser wird, hilft dabei, dranzubleiben. Ein guter allgemeiner körperlicher und seelischer Zustand unterstützt die Genesung.

Kann erwogen werden

Weitere Möglichkeiten beim Arzt

Cortison als Tabletten für drei Wochen bei starken Beschwerden (nach dem Absetzen können die Beschwerden zurückkommen) oder eine Aufdehnung des Gelenks mit Flüssigkeit (Hydrodilatation, kurze und kleine Verbesserung). Was davon für dich passt, besprich mit deinem Arzt.

Empfehlung

Ergänzende Verfahren

Die Leitlinie nennt außerdem Stoßwellentherapie und niedrig dosierte Lasertherapie als Möglichkeiten, die bei der Behandlung berücksichtigt werden sollten. Ob sie für dich infrage kommen, besprich mit deinem Arzt oder Therapeuten.

Nicht empfohlen

Ultraschall und Wärme zusätzlich zum Training

Sie bringen laut Leitlinie keine wesentliche Verbesserung von Schmerz und Beweglichkeit.

EmpfehlungExpertenkonsens

Operation nur, wenn anderes nicht reicht

Eine OP (arthroskopische Lösung der Kapsel) kommt infrage, wenn Behandlung und Abwarten keine zufriedenstellende Besserung bringen. Deine Wünsche und Ansprüche zählen bei dieser Entscheidung ausdrücklich mit (starke Empfehlung). Eine Mobilisation in Narkose allein empfiehlt die deutsche Leitlinie wegen des Verletzungsrisikos nicht.

Was du selbst tun kannst

Solange der Schmerz im Vordergrund steht, gilt eine strengere Regel als die Schmerz-Ampel: Bewegen ja, aber nur im schmerzfreien Bereich und nicht in den Schmerz hinein dehnen. Forciertes Dehnen kann die Kapsel weiter reizen.

Warum zwei Regeln? Die US-amerikanische Physiotherapie-Leitlinie empfiehlt, die Intensität des Dehnens daran anzupassen, wie gereizt die Schulter gerade ist. Solange sie stark gereizt ist, schnitten sanfte Übungen im schmerzfreien Bereich besser ab als intensives Dehnen: In einer Vergleichsstudie mit 77 Patienten hatten nach 2 Jahren 89 % eine normale oder fast normale Schulter, mit intensivem Dehnen nur 63 %. Bei Menschen, die schon länger als 3 Monate betroffen und vor allem steif waren, wirkte dagegen eine intensivere Mobilisation bis an die Bewegungsgrenze durch einen Therapeuten etwas besser als eine sanfte im schmerzfreien Bereich. Das zeigte eine randomisierte Studie mit 100 Patienten, der Unterschied war allerdings klein.

Was gerade im Vordergrund steht und welche Übungen passen, klärst du am besten mit deinem Arzt oder Physiotherapeuten.

Häufige Fragen

Wie lange dauert eine Frozen Shoulder?

Meist mehrere Monate bis Jahre. Jede der drei Phasen dauert laut Leitlinie mehrere Monate. In einer Langzeitstudie hatten im Schnitt 4,4 Jahre nach Beginn 59 % keine oder nur noch geringe Beschwerden.

Darf ich den Arm bewegen und dehnen?

Bewegen ja, Schonung allein ist keine Lösung. Laut Leitlinie kann eine schmerzbedingte Schonung nach einer Verletzung eine Schultersteife sogar auslösen. Beim Dehnen kommt es darauf an, was im Vordergrund steht: Solange es vor allem schmerzt, nur sanft im schmerzfreien Bereich. Ist die Schulter vor allem steif, darfst du dich mehr an die Grenze herantasten.

Hilft eine Cortison-Spritze?

Kurzfristig ja. In den ersten 3 Monaten wirkt eine Spritze ins Gelenk besser als Physiotherapie allein, danach sind beide gleich gut. Am besten wirkt sie zusammen mit Physiotherapie. Ob sie für dich passt, besprich mit deinem Arzt.

Muss die Schulter operiert werden?

Meistens nicht. In der großen britischen Studie UK FROST mit 503 Patienten war nach 12 Monaten weder die OP noch die Mobilisation in Narkose klinisch besser als frühe Physiotherapie mit Cortison-Spritze. Die OP hatte mehr schwere Komplikationen. Sie kommt erst infrage, wenn Behandlung und Abwarten nicht zufriedenstellend helfen.

Wird die Schulter wieder ganz normal?

Die meisten bekommen ihre Beweglichkeit mit der Zeit zurück. Ehrlicherweise behält ein Teil leichte Restbeschwerden. Schwere, dauerhafte Einschränkungen sind selten.

Kann die Frozen Shoulder wiederkommen?

Auf derselben Seite sehr selten. Bei manchen trifft es später die andere Schulter, in einer Studie bei gut einem Drittel, vor allem bei Diabetes und bei Menschen unter 50.

Was hat Diabetes damit zu tun?

Menschen mit Diabetes bekommen deutlich häufiger eine Frozen Shoulder, und der Verlauf ist oft zäher. Für Cortison-Spritzen bei Diabetes ist die Datenlage dünn, deshalb gibt die Leitlinie dafür keine Empfehlung.

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Red Flags: Wann du zuerst zum Arzt solltest

Erneut ärztlich abklären lassen solltest du außerdem, wenn sich nach 6 bis 12 Monaten trotz Behandlung nichts bessert.

Alle Red Flags nach Dringlichkeit →

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) u. a. S2e-Leitlinie Schultersteife. AWMF-Register Nr. 187-020, Version 2022, gültig bis 14.04.2027. register.awmf.org (frei zugänglich)

Challoumas D, Biddle M, McLean M, Millar NL. Comparison of Treatments for Frozen Shoulder: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Network Open. 2020;3(12):e2029581. doi:10.1001/jamanetworkopen.2020.29581 (frei zugänglich)

Rangan A, Brealey SD, Keding A, et al. Management of adults with primary frozen shoulder in secondary care (UK FROST): a multicentre, pragmatic, three-arm, superiority randomised clinical trial. The Lancet. 2020;396(10256):977–989. doi:10.1016/S0140-6736(20)31965-6

Kelley MJ, Shaffer MA, Kuhn JE, et al. Shoulder pain and mobility deficits: adhesive capsulitis. Clinical practice guidelines. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. 2013;43(5):A1–A31. doi:10.2519/jospt.2013.0302

Vermeulen HM, Rozing PM, Obermann WR, le Cessie S, Vliet Vlieland TP. Comparison of high-grade and low-grade mobilization techniques in the management of adhesive capsulitis of the shoulder: randomized controlled trial. Physical Therapy. 2006;86(3):355–368. doi:10.1093/ptj/86.3.355

Diercks RL, Stevens M. Gentle thawing of the frozen shoulder: a prospective study of supervised neglect versus intensive physical therapy in seventy-seven patients with frozen shoulder syndrome followed up for two years. Journal of Shoulder and Elbow Surgery. 2004;13(5):499–502. doi:10.1016/j.jse.2004.03.002

Felix Schenk

Felix Schenk

Physiotherapeut (staatlich anerkannt in Deutschland) und Sportwissenschaftler (BSc, Universität Wien). Schwerpunkt: Schulterprobleme im Kraft- und Überkopfsport. Erfahrung aus der Medical Crew der Neu-Ulm Spartans (American Football) und als Assistenzphysiotherapeut der OrangeAcademy Ulm (Basketball). Grundlage seiner Arbeit sind über 100 aufgearbeitete Studien und Leitlinien.

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